Chinomso

Dies & Das & Geschichten aus dem Leben

Montag, Mai 23, 2005

Polsterbett

Schlaraffia, Im Frühjahr 2005

Hallo Leute,

habt ihr schon einmal einen Brief von einem Möbelstück bekommen?
Nein? Dann wird’s aber Zeit.

Ich bin ein Polsterbett und habe etwas auf dem Herzen, was ich Euch unbedingt erzählen will. Stellt Euch vor, was mir passiert ist.

Ich wurde verschleppt !!

Und das kam so: An einem kalten Morgen Anfang Februar stürmten um 06:45 Uhr drei Fremde im Blaumann in das Schlafzimmer, wo ich jahrelang gelebt hatte.

Ich war noch ganz warm von der Nacht und die Männer fummelten mit kalten Fingern an mir herum und machten abfällige Bemerkungen, dass ich ja wohl ein „ganz schwerer Junge“ sei und dass sie mit mir noch viel „Freude“ haben würden.
Mir wurde ganz Angst und Bange.
Ich hatte mich schon gewundert, dass man mir am Abend zuvor den Bauch total ausgeräumt hatte. Alles leer, wie vor `ner Darmspiegelung.
Und was sollte das nun wieder bedeuten?

Die Kerle ließen mich aber erst mal wieder in Ruhe, gingen ins Wohnzimmer und schauten sich die anderen Möbel an, die auch auf ihrer Liste standen. Die Wohnzimmerschränke bekamen ebenfalls ein paar blöde Bemerkungen zu hören: „Wie? Auseinander nehmen geht nicht? Sind geleimt? Ach du Scheiße! Das kann ja heiter werden.“

Dann, etwa eine Stunde später, nahm das Unheil seinen Lauf. Man rückte mir mit Macht zu Leibe. Die Männer klappten mich auf, rissen mir die dicken Metallfedern aus dem Bauch, die normalerweise mein Ober- und Unterteil zusammen halten. Mit lautem Ächzen und Stöhnen packten sie zu und schleppten mich dann durch den engen Flur und das Treppenhaus nach unten. Mir wurde ganz schwindelig dabei. Soviel Bewegung bin ich doch nicht gewöhnt.

Draußen vor der Haustür stand ein großer, gelber LKW. In den wurde ich hochkant rein gestopft. Könnt ihr euch vorstellen, was das für ein Gefühl ist, wenn man sein Leben bisher in stabiler, horizontaler Lage verbracht hat? Sicher nicht!
In dem LKW war eine Schweinekälte. Sie deckten mich mit ein paar alten, kratzigen Pferdedecken ab und das war’s. Mehr Rücksicht wurde auf meine zarten Gefühle nicht genommen. Das so ein Bett, wie ich, auch eine empfindsame Seele hat, das vermutet ja keiner.

Am Vormittag gegen 10 Uhr war der LKW voll und es ging los auf eine weite Reise. Leider konnte ich nicht sehen, wo der LKW lang fuhr, aber es ruckelte und schaukelte stundenlang. Mir war kotzschlecht.

Am Abend kamen die Räder dann zum Stillstand. Die Fahrer machten es sich in ihrer warmen Schlafkabine mit Wisky-Cola gemütlich. Ich dagegen schlotterte leise vor mich hin und verbrachte eine lange, schlaflose Nacht auf der Ladefläche.

Morgens gegen 6 Uhr ging die Reise dann weiter. Ich belauschte die Gespräche der Fahrer und hörte, dass wir auf dem Weg zum Ammersee in Bayern waren. Ein Rentner-Ehepaar aus Osnabrück hatte dort eine Eigentumswohnung gekauft und die Möbel der Leute, die sich im Anhänger befanden, sollten am Morgen in einem Haus am See-Ufer abgeladen werden. Die hatten die Tortour also hinter sich und kamen ins Warme.

Für mich jedoch ging die Odyssee bald weiter. Wir schaukelten gegen Mittag los, Richtung Nürnberg. Um 14:30 Uhr fuhr der LKW dort vor einem großen Haus vor und hielt mal wieder an. Ich konnte Hoffnung schöpfen.
Zu meinem großen Vergnügen wurde ich auf einen kleinen Rollwagen gehievt und in einen Fahrstuhl befördert. Es ging aufwärts, im wahrsten Sinne des Wortes.
In der dritten Etage brachten sie mich in einem gut geheizten Schlafzimmer wieder in die Horizontale. Meine Federn wurden angebracht, das Ober- mit dem Unterteil vereint und am Abend füllte sich auch mein Bauch wieder.

Seit diesem Zeitpunkt geht es mir gut. Das Abenteuer scheint vorbei zu sein.
Jede Nacht werde ich wieder „beschlafen“, aber das bin ich ja gewöhnt und das ist schließlich mein Lebenszweck.

Soviel zu meinem Befinden.

Ich würde mich freuen zu hören, wie es Euch so ergangen ist in letzter Zeit und verbleibe mit lieben Grüßen

Euer neuer Bekannter,
Das Polsterbett

P.S.
Und noch was... wenn ihr heute Abend ins Bett geht und in die Matratze horcht, dann denkt dran: So ein Bett hat auch eine Seele. Meist eine gute.
Grüßt schön von mir!

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